Zu Fuß durch die Vogesen
Liebe, sagt man, mache blind. Manchmal macht sie aber auch in gewisser Weise sehend: Sie öffnet die Augen für Dinge, die dem oberflächlichen, distanzierten, “objektiven” Betrachter verborgen bleiben. Dies gilt besonders für die Vogesen. Wer sie “distanziert”, das heißt, aus räumlicher Entfernung betrachtet, hält sie für einen zweiten Schwarzwald, und da “man” ja bereits das Original kennt, meint man sich die Kopie schenken zu können. Wer sich aber einen Teil der Vogesen erwandert oder gar eine komplette Nord-Süd-Durchquerung absolviert hat, wird mir wohl zustimmen: Eine solche Fülle an landschaftlichen und historisch-kulturellen Attraktivitäten wie in diesem alten Grenzland, in dem eine zweitausendjährige, oft sehr bewegte Geschichte eine unüberschaubare Menge von Spuren hinterlassen hat, wird in unseren Breiten schwerlich ein zweites Mal zu finden sein.
Thomas Striebig: Zu Fuß durch die Vogesen. Auf den GR 53 und 5 von Weißenburg nach Belfort. Mehrtägige Rund- und Streckenwanderungen. GeoHist Verlag Neu Anspach 2000. Format 14,5×10,5 cm (passt in jede Rucksack-Außentasche), wetterfestes Papier, 294 Seiten, EUR 15,20.
ISBN: 3-932354-01-X
EUR 15,20
“Einfach schlafen - gut essen”
Die Vogesen sind ein Dorado für Rucksacktouren. Meistens findet man am Ende einer Tagesetappe eine Gruppenunterkunft, einen so genannten Gîte d’étape, mit Selbstversorgerküche, Mehrbettzimmern und ordentlichen sanitären Anlagen, und das nächste Dorfrestaurant mit der bekannt vorzüglichen elsässischen Küche und zumeist fairen Preisen ist nie weit. Nur ausnahmsweise muss man sich in einfachen Hotels einquartieren, die zudem in der Regel deutlich preisgünstiger sind als im gegenüberliegenden Schwarzwald. In den Hochvogesen bieten viele der Almgasthöfe, französisch Fermes-Auberges (auf den Fotos die Ferme-Auberge du Felsach und die unvergleichlich gelegene Auberge du Drumont), einfache Übernachtungsmöglichkeiten in Doppel- oder Mehrbettzimmern sowie Schlafsälen an.
Der Führer enthält detaillierte Angaben zu Einkehr- und Übernachtungsmöglichkeiten, wobei der Autor aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht hat: Wenn es ihm irgendwo gefallen bzw. geschmeckt hat, dann sagt er das auch.
“Zweieinhalbtausend Jahre bewegte Geschichte”
Grenzland zwischen Germanen und Kelten, später Germanen und Römern, zeitweiliges Machtzentrum der Staufer und Habsburger, Jahrhunderte lang Zankapfel zwischen Frankreich und Deutschland – kein Wunder, dass man in den Vogesen ständig auf Zeugen einer äußerst bewegten, für die Einheimischen oft sehr leidvollen Geschichte trifft. Zu erwähnen sind neben den zahllosen Städtchen und Burgen (auf dem Foto die vom letzten deutschen Kaiser wieder aufgebaute Haut-Koenigsbourg, auf der man freilich eher den Geist des Wilhelminismus kennen lernt) beispielsweise die Heidenmauer auf dem Mont Sainte-Odile, ein mehr als zehn Kilometer langer gemauerter gallorömischer Ringwall von teilweise vier Meter Höhe, die Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges auf der Tête des Faux (Foto) und auf dem Hartmannswillerkopf und natürlich das ehemalige Konzentrationslager Struthof-Natzweiler bei Schirmeck.
Der Autor ist Historiker und hat sich bemüht, dem interessierten Leser instruktive Informationen zu der Geschichte der Vogesen zu liefern.
“Nordvogesen”
Die Nordvogesen – sie reichen von der pfälzisch-elsässischen Grenze bis zum Col de Saverne – entsprechen geologisch und landschaftlich dem Pfälzerwald, vor allem dem Dahner Felsenland, sind aber ungleich einsamer. Die Berge, falls man sie überhaupt so nennen mag, übersteigen nur selten die 500m-Grenze, sind aber für Wanderungen schlichtweg ideal. Einmal wegen ihrer starken Bewaldung, wobei herrliche Mischwälder vorherrschen. Zumeist benutzt man sich schmale Fußpfade, zuweilen wahre Schleichwege, die zudem auch bei längerem Regen kaum einmal schlammig werden – der Sandboden lässt Regenwasser sofort versickern. Hauptattraktionen sind jedoch die vielen bizarren Sandsteinfelsen, auf und in denen sich oft abenteuerliche Burgruinen erheben (auf den Fotos die Ruine Grand-Arnsbourg und der Fensterbogen der Wasenbourg, ein architektonisches Kleinod). Hier kommen nicht nur Geschichtsfreaks auf ihre Kosten; die zuweilen verwegenen, fast schon schwindelerregenden, jedoch ungefährlichen und gut gesicherten Aufgänge und die meist umfassende Aussicht von den Burgen stellen erst die eigentliche Würze einer Tour in den Nordvogesen dar.
Die beschriebenen Routen berühren fast alle Burgruinen in den Nordvogesen. Reizvoll sind aber auch die stillen Täler mit ihren naturbelassenen Bächen, die Dörfer, in denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, und nicht zuletzt die einzigartigen Felsenwohnungen von Graufthal.
“Mittelvogesen”
Die Mittelvogesen sind ein großartiges Wandergebiet und eine Region großer Gegensätze. Häufig streift man durch ausgedehnte Wälder, in denen man stundenlang keinem Menschen begegnet und in denen Wildkatze, Luchs und Auerhahn leben (auf dem unteren Foto die merkwürdige Porte de Pierre, vielleicht der symbolische Eingang zu einem keltischen Druidenbezirk). Man berührt einige aussichtsreiche Gipfel wie Donon, Champ du Feu und Ungersberg, lernt unterhalb der berühmten Burg Nideck die grandiose Schlucht mit ihrem 25 m hohen Wasserfall kennen und wird immer wieder an die oft blutige Vergangenheit der Vogesen erinnert, wobei sich das zeitliche Spektrum von der Heidenmauer über mittelalterliche Städtchen und Burgen (auf dem Foto die Ortenbourg, die Stauferburg des Elsass schlechthin) und Schauplätze des Bauernkrieges von 1525 bis zum Lager Struthof erstreckt. An einigen Punkten, etwa auf dem Mont Sainte-Odile, aber auch in Saverne und Riveauvillé, wird man auch mit Massentourismus konfrontiert, dem der Wanderer freilich einen entscheidenden Vorteil voraus hat: Nur wer eine Region durchwandert, lernt sie wirklich kennen.
“Hochvogesen”
In den Hochvogesen erreicht das Gebirge nicht nur geographisch (Grand Ballon, 1424 m) seinen Höhepunkt! Hier gelangt man, ähnlich wie im Hochschwarzwald, häufig über die Baumgrenze hinaus und kann stunden-, ja tagelange Kammwanderungen mit fast ständiger Aussicht in alle Richtungen unternehmen (auf dem Foto die fast endlosen Hautes Chaumes oberhalb des Lac Blanc, die besonders bei verhangenem Himmel düster, ja, skandinavisch anmuten). Eine besondere Attraktion ist das Gebiet zwischen dem Lac Blanc und dem Hohneck: Hier weist der Ostabfall des Hauptkamms, in die einige prächtige nacheiszeitliche Karseen eingebettet sind, häufig alpinen Charakter auf. Wer beispielsweise auf der Terrasse der Ferme-Auberge am Lac du Forlet rastet oder nach einer Begehung des am Col de la Schlucht beginnenden „Sentier des Roches“, der fast schon Klettersteigcharakter aufweist, den Talschluss „Frankenthal“ erreicht, fühlt sich in die Alpen versetzt.
Zahllose Fermes-Auberges bieten Einkehr- und Übernachtungsmöglichkeiten. Daher und aufgrund der nicht sehr bedeutenden Höhenunterschiede und der zahlreichen Einkehr- und Übernachtungsmöglichkeiten sind Mehrtagestouren in den Hochvogesen nicht übermäßig anstrengend und ideal für Familien mit Kindern, vor allem im Frühsommer, wenn die Bergwiesen in voller Blüte stehen (auf dem Foto Gelber Enzian und Fingerhut, aufgenommen am 11. Juli 1999). Am schwierigsten ist vielleicht die Entscheidung zwischen den vielen attraktiven Routen. Der Führer gibt zahlreiche Anregungen, warnt aber auch vor eventuellen Gefahren.



