Ödipus der Große

Ödipus der Große

„Also ans Werk! Das, meine lieben Zuhörerinnen und Zuhörer draußen an den Fernsehgeräten, ist das Gebot dieser ernsten Stunde. Ernst ist diese Stunde, ja, aber nicht verzweifelt. Vertrauen Sie fest darauf, dass wir alle einen Weg aus dieser Krise finden werden!

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir die Talsohle erreicht, ja, bereits durchschritten haben. Noch einige Tage durchhalten, nur noch einige Tage, meine lieben Freunde, dann wird, dann muss es wieder aufwärts gehen, dann muss der Aufschwung kommen, dann wird Theben wieder zu der blühenden Landschaft werden, als die wir es alle kennen und lieben.

Beten wir zu den Göttern, dass sie uns weitere Prüfungen ersparen und unserem Beginnen ihren Segen schenken und es zu dem Erfolg führen, den wir uns alle wünschen, den wir alle herbeisehnen, damit unser Theben, die Perle Griechenlands, ja, der zivilisierten Welt, wieder ein Hort des Friedens, des Wohlstands und der sozialen Gerechtigkeit wird, als den man ihn seit Generationen kennt!

Ich wünsche Ihnen allen, meine lieben Freunde, eine gute Nacht, eine erholsame Nachtruhe und den Segen der Götter.

Ich danke Ihnen. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen.“

Diese Worte, so staatstragend, dass es kaum noch auszuhalten ist, stammen nicht etwa von einer der unzähligen zeitgenössischen Persönlichkeiten aus der großen Politik – die haben solche Wendungen, wie man hier sieht, natürlich nur abgekupfert, schamlos abgekupfert; lediglich die Sätze „Wir schaffen das“ und „Sie kennen mich“ sind moderne Erfindungen. Gesprochen, nein, zelebriert werden diese wohlgesetzten Ausführungen vom sagenhaften thebanischen König Ödipus, seit Sophokles und mehr noch seit Sigmund Freud allen Bildungsbeflissenen bekannt. Und ich habe mich nur widerwillig herbeigelassen, all das in mein Stück einzubauen: „Ödipus der Große. Komödie in sechs Szenen nach Sophokles.“

Wie, bitte? Die Geschichte des Königs Ödipus, der – ohne es zu wissen und ohne dass ihm auch nur ein vernünftiger Mensch einen Vorwurf machen könnte – seinen Vater umbringt und seine Mutter heiratet, der dann zur Buße abdankt, sich die Augen aussticht und als blinder Bettler endet, um das Volk der Thebaner von der Pestepidemie zu erlösen, die ihm vom Gott Apollon als Kollektivstrafe auferlegt worden ist (oh, die griechischen Götter waren hart, aber ungerecht und arme Leute zählten da nicht; kein Wunder, dass später der Apostel Paulus mit seinen Missionierungsbemühungen gerade bei den Ärmeren so große Erfolge erzielte!) – diese grässliche, blutrünstige Geschichte soll zur Komödie taugen?

Ich finde: Ja, sie taugt. Sie taugt sogar ganz gut.

Allerdings sollte man beim Begriff Komödie nicht an seichte Unterhaltung, sondern an Friedrich Dürrenmatt denken. Ja, dies ist sozusagen eine Dürrenmattisierung des Ödipus-Stoffes, die sich ansonsten durchaus an die Vorlage, an Sophokles weltberühmte Tragödie „König Ödipus“, hält, bis sie – aber ich werde den Teufel tun, das hier zu verraten.

Als ich das Stück mit meiner damaligen Theater-AG der Christian-Wirth-Schule Usingen aufführte, hatte das Publikum sichtlich Vergnügen, nicht zuletzt an den liebreizenden Hausschlappen Seiner Majestät. Einige Male blieb den Besuchern auch ein wenig das Lachen im Hals stecken. Etwa hier:

„Wir müssen das Fernsehen und die Zeitungen so weit bringen, dass sie ihren Intendanten und ihre Chefredakteure selber auswechseln und Männer auf diese Posten hieven, die uns genehm sind. Oder besser noch Frauen, die sind leichter zu lenken und konfliktscheuer, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen. Da brauchen wir nur ganz unauffällig nachzuhelfen und machen uns nicht die Finger schmutzig. Bei dem vorauseilenden Gehorsam, zu dem vor allem das Fernsehen immer neigt, klappt das todsicher.“

Das geht nun wirklich nicht. Ich sehe es ein und schäme mich.

Aber nach gebührender Zeit des Schämens möchte ich doch hinzufügen: Gegen weitere Aufführungen des Stückes – sofern sie mit mir abgesprochen werden – habe ich nicht das Geringste einzuwenden.

Thomas Striebig: Ödipus der Große. Komödie in sechs Szenen nach Sophokles. Books on Demand Norderstedt 2011.