Der Sandkasten und andere Erzählungen

Wie es zur „Autorengruppe Die Blindschleichen“ kam

Eine unglaubliche Geschichte

Das erste Buch, das ich hier vorstellen möchte, ist nicht von mir. Es enthält Kurzgeschichten und Parabeln von zwölf Autorinnen und Autoren, die zur Zeit der Entstehung der Texte zwischen 13 und 19 Jahre alt waren, und alles, was ich beigesteuert habe, ist das Vorwort. Wer nun glaubt, da könne es sich doch nur um nett gemachte oder nett gemeinte, aber noch äußerst unfertige Texte handeln, die für Erwachsene völlig uninteressant seien, täuscht sich gewaltig. Das lässt schon der Artikel auf dieser Seite erahnen, aber im Grunde sollte man sich dieses Buch besorgen, um einmal so richtig das Staunen zu lernen.

Oktober 2014. Ich unterrichtete damals an der Christian-Wirth-Schule Usingen (CWS) einen Deutschkurs der Jahrgangsstufe E (also des ersten Schuljahres der gymnasialen Oberstufe). Eines Tages kam ein Schüler namens Moritz Burghardt auf mich zu: Ob ich einmal einen Text lesen könne? Ein selbst geschriebenes Theaterstück! Ich las das Werk mit wachsender Begeisterung und sagte zu ihm einige Tage später: „Bei den nächsten Schul-Projekttagen studieren wir das mit einer Gruppe ein und führen es dann beim Sommerfest 2015 auf!“ (Was wir auch taten; es gab zwei Aufführungen und zur zweiten kamen ca. 100 Zuschauer.) Und ich fragte mich: Ja, gibt’s denn das?

Wenn ich geahnt hätte, was es danach noch alles geben sollte! Moritz präsentierte mir gleich noch eine Kurzgeschichte (und was für eine!), einen Tag später erzählte mir ein Mitschüler, Sven Eschlbeck, dass er gleichfalls schreibe.

Zufällig bot damals die Schriftstellerin Antje Wagner („Unland“) einen Schreibworkshop an der CWS an, zu der ich die beiden schickte. Ein weiterer Schüler aus dem Kurs, Max Winkler, schloss sich an und wurde prompt auch vom Schreib-Bazillus infiziert. Einen Tag vor den Weihnachtsferien veranstalteten wir eine kleine Lesung der drei in einer Deutsch-Doppelstunde, worauf sich ein Mädchen, Anja Benderoth, meldete: Sie habe auch noch etwas – ob sie das vorlesen dürfe? Aber dazu müsse ich ihr erlauben, ihr Handy einzuschalten. Natürlich erlaubte ich!

Aus dem Kurs kam weiterer Autoren-Nachwuchs hinzu: Teresa Niessing, Adrian Welcker und schließlich Jan Fimmers. Gut möglich, dass man den einen oder anderen Namen in Zukunft wieder hören wird. Und man muss sich das vorstellen: Da schimpft und lamentiert, jammert und plärrt man überall vom Verfall der sprachlichen Fertigkeiten, darüber, dass kaum jemand noch einen fehlerfreien deutschen Satz schreiben könne (zugegeben: Ganz falsch sind diese Eindrücke ja nicht!), oder gleich vom Untergang des Abendlandes – und dann das!

Diese Begabungen mussten natürlich gefördert werden. Zumal mich selbst der Schreib-Bazillus schon vor Jahrzehnten infiziert hatte und das wussten Moritz, Sven, Max, Anja, Teresa und die anderen natürlich nur zu gut.

Ich organisierte mit den Jugendlichen einige Lesungen, einige andere Hobby-Schriftstellerinnen und -Schriftsteller stießen hinzu und irgendwann entstand der leicht selbstironische Name „Autorengruppe Die Blindschleichen“. Nebenbei: Die Blindschleiche ist Reptil des Jahres 2017! Rasch entstand der Plan, einen Sammelband mit Texten von letztlich zwölf Blindschleichen herauszugeben. Natürlich im kurz zuvor von meinem Freund Michael Rusch, Hamburg, ins Leben gerufene „Verlag Die Blindschleiche“.

Muss ich erwähnen, dass die Künstlerin Sarah Kaye Müller, von der die Zeichnungen des Covers stammen, auch aus dem ominösen Kurs stammt?

Nicht zuletzt: Immer wieder erreichen mich, auch nach meiner Pensionierung im Sommer 2016, neue Blindschleichen-Texte – mit der Bitte um Bewertung, Lektorierung usw. Eine wirklich tolle Sache! Ich gehe davon aus, dass es in dieser Weise auch noch einige Zeit weitergehen wird.

Wer nun glaubt, die 36 Kurzgeschichten und Parabeln dieser Sammlung seien lieb und nett gemeinte, aber eben noch kindliche erste literarische Gehversuche 13- bis 20-Jähriger, für den seien hier einige kleine Kostproben aus Blindschleichen-Texten angeführt – Leseproben aus Texten Sechzehn- und Siebzehnjähriger:

Durch die Straßen. Immer weiter und weiter. Als ob es nie enden würde. Als ob es endlos wäre. So kam es mir auf jeden Fall an jenem verhängnisvollen Tag vor.

Eigentlich war alles wie immer. Es gab nichts, was sich großartig verändert hätte. Nie veränderte sich hier irgendwas! Die immer gleichen Straßen, die immer gleichen Häuser, die immer gleichen Geschäfte, der immer gleiche Lärm und zu guter Letzt auch noch die immer gleichen Menschen. Zugegeben, vermutlich waren es nicht jeden Tag dieselben Menschen, mir zumindest kam es aber so vor. Sie alle strömten gemeinsam durch die Straßen, mit grauen Gesichtern, nervösem Blick und angespanntem Körper. Da gab es doch keinen Unterschied mehr! Darum waren es für mich die immer gleichen Menschen, diese Menschen, die praktisch nichts wirklich mehr voneinander unterschied. Gleichgemacht von der Masse, eingegliedert in den Prozess. (Max Winkler: Der Fahrstuhl)

Schachmatt.“

Es war nur ein Wort und doch riss es ihn aus seinen Gedanken. Es war unmöglich, er hatte alles durchgeplant, jeden einzelnen seiner Züge und jeden gegnerischen Zug vorhersehen können. Es konnte unmöglich schief gegangen sein. Er hatte perfekt gespielt, so wie immer. Im Kopf ging er alle Züge nach und nach noch mal durch, doch er konnte einen möglichen Fehler einfach nicht finden. Er war sich sicher, er hatte keinen Fehler gemacht, und doch stand er, der König, gefallen durch einen einfachen Läufer, nun am Ende seiner Macht, am Ende seiner Kraft. (Anja Benderoth, Schachmatt)

Alles wird gut“, sagt er. Nein, nicht er sagt das, alle sagen sie es. Alles wird gut, alles wird gut. Alles. Wird. Gut. Mal eindringlich. Dann beschwörend. Ermahnend. Verzweifelt …
Egal, was geschieht, es gibt immer einen Ausweg. Es sind schon schlimmere Dinge geschehen. Viel größer, als eine einzelne Person es sich vorstellen kann. Und doch … Nein! Nein! Nein, alles wird gut! Alle Dinge sind in der Lage, zu heilen. Aber wie kann man es sich vorstellen? Wo ist die Hilfe, wo der Ausweg, wenn doch aller Sinn verschwunden ist? Was soll noch gut werden, wenn die ganze Welt in sich zusammenbricht, das Herz zerreißt, die Seele ein einziges brennendes Feuer wird, welches mit jeder Sekunde höllischer schmerzt? Ich habe ihn gefunden. Das Feuer wird gelöscht, doch dann folgt die Dunkelheit.
(Teresa Niessing, Alles wird gut)

Blitze zuckten über den Himmel und erhellten für Augenblicke die sonst pechschwarze Nacht. Immer wenn eines der Lichtgewitter die Landschaft in unwirkliches Licht tauchte, zeichnete sich auf einem Hügel die Silhouette einer mächtigen Villa ab. Verlosch es dann wieder, verschmolz sie mit der Finsternis und wurde eins mit ihr. Der Regen peitschte vom Sturm getrieben gegen die Scheiben des Hauses, wie ein böser Geist, der in sein Inneres einzudringen versuchte.

Hinter einem dieser Fenster stand Charles und bewunderte das Schauspiel, das die Naturgewalten scheinbar nur zu seiner Unterhaltung vollführten. Er liebte es, bei Sturm hier zu stehen. Er liebte es grundsätzlich, an diesem Fenster zu stehen und den Blick über seine Parkanlagen streifen zu lassen. (Moritz Burghardt: Wachs)

Autorengruppe Die Blindschleichen „Der Sandkasten und andere Erzählungen“, Verlag Die Blindschleiche, 8,99 €.