Bellman

Wenn das mal keine famose Neuigkeit ist!

Gerade habe ich eine Mail vom AAVAA-Verlag bekommen. Der will meinen Bellman-Roman veröffentlichen. Titel: „So trolln wir uns ganz fromm und sacht. Aus dem Leben des Carl Michael Bellman. Unhistorischer Roman.“ Mehr dazu in Kürze.

Dieser Stoff hat mich inklusive Unterbrechungen sechseinhalb Jahre lang beschäftigt.

Carl Michael Bellman, 1740-1795, war ein schwedischer Liedermacher, wie man ihn heute nennen würde. Seine Lieder hatten und haben bis heute eine kleine, aber feine Fangemeinde. Hier ein paar Kostproben:

Odenwald: Nibelungensteig

Nibelungensteig, 21.-28.08.2016

Odenwald? Oh, je!

Nette Landschaft mit Wiesen und Wäldern, bescheidene Hügel, in aller Regel Wandern auf breiten Forstwegen – gut, man kann ja mal hinfahren. In meiner Kindheit und Jugend war ich oft genug mit meinen Eltern dort. Wenn man mich damals gefragt hätte: Zu oft – der Pfälzerwald hat mich immer viel mehr interessiert. Aber jetzt, nach einem halben Jahrhundert?

Gerade jetzt! Denn auch im Odenwald ist die Zeit nicht stehengeblieben. Die Hügel (höchster Gipfel: Katzenbuckel, 626 m) sind natürlich nicht weniger bescheiden geworden, aber auch hier sind neue Weitwanderwege angelegt worden, und zwar so, dass sie den Maßstäben des Deutschen Wanderinstituts zur Zertifizierung entsprachen, und somit keineswegs nur auf Fahrwegen. Mich reizte am meisten der Nibelungensteig, eine großzügige Durchquerung von Westen nach Osten, von Zwingenberg an der Bergstraße bis Freudenberg am Main – etwa 130 km durch drei Bundesländer (Hessen, Baden-Württemberg, Bayern), mehr als 4000 Höhenmeter im Auf- und Abstieg, das klang wahrlich nicht nach Rentnerparadies.

Die Scheuergasse in Zwingenberg,, hinten der Melibokus

Wer den Nibelungensteig als Pauschale mit Gepäcktransport bucht, wird nach der Übernachtung am Startpunkt Zwingenberg gleich nach Lindenfels geschickt – mehr als 27 km Wegstrecke bei nahezu 1500 Höhenmetern im Anstieg, ein echter Härtetest. Wir wollten uns das nicht antun, reisten morgens nach Zwingenberg an (eine Stunde von meinem Wohnort), bewunderten kurz das malerische Ortszentrum mit der besonders malerischen Scheuergasse und zogen kurz nach 10 Uhr los. Zunächst auf bereits verheißungsvollen, gar nicht einmal anstrengenden Wegen auf den Melibokus, der seinen schönen lateinischen Namen einer schlichten Verwechslung verdankt (man bezog einen von einem römischen Geographen erwähnten Gipfel auf die dominierende Kuppe an der Bergstraße, die bis dahin Malchen hieß, und der neue Name bürgerte sich ein, obwohl man heute weiß, dass der Berg, den der Römer erwähnte, im Harz liegt); unterwegs und oben genossen wir die weite Aussicht auf die Rheinebene und den demnächst „historischen“ Blick auf das ehemalige Kernkraftwerk Biblis, bevor es auf der Ostseite des Berges wieder bergab ging.

Bergauf und bergab! Das könnte das Motto des Nibelungensteigs sein. Wobei dieser Wechsel wirklich Spaß macht. Dazu trägt die Tatsache bei, dass auf dem nächsten Gipfel der Route, dem Felsberg, zwar – wie schon zuvor auf dem Melibokus – der Aussichtsturm geschlossen ist, aber dafür ein, jawohl, afrikanisches Restaurant mit einer Köchin aus Nigeria wartet („Ada’s Buka“), dessen liebevoll gestaltete Gaststube alleine schon einen Besuch lohnt, auch wenn es schon zu spät für die Antilopen-Bratwürste ist. Schließlich ging es für uns danach nur noch bergab zum Etappenziel Reichenbach.

Die „Römersäule“ im Felsenmeer

Aber was heißt hier „nur“? Denn selbstverständlich führt der Nibelungensteig mitten durch das weit und breit einzigartige Felsenmeer. Keine Frage: das chaotische, erstaunlich ausgedehnte Blockgewirr mit der fast zehn Meter langen sogenannten Römersäule (sie war ursprünglich für eine Kirche vorgesehen, erwies sich aber beim Bearbeiten als unbrauchbar und wurde einfach liegen gelassen) glich, zumal jetzt, am Sonntag, eher einem Ameisenhaufen – überall krabbelten kleine und große Kletterer herum. Trotzdem – man muss es einfach gesehen haben.

Kletterer wären auch auf der zweiten Etappe des Nibelungensteigs auf ihre Kosten gekommen, denn das erste Highlight an der Route war der Hohenstein, ein beliebter Kletterfels, an dem der Autor in jungen Jahren auch schon die Vertikale ausprobiert hat, ohne allerdings danach je zum Kletterer geworden zu sein. Danach ging es in leichterem Auf und Ab durch die Dörfer Knoden, Schannenbach und Schlierbach (mit besonders sehenswertem „Stickel-Friedhof“) und zuletzt in einem kurzen, aber sehr heftigen Aufstieg nach Lindenfels, wo man die Wahl zwischen der Besichtigung der Burg, einem Besuch des Drachenmuseums und einer ausgiebigen Rast im Eiscafé hat. Meines Erachtens kein Entweder-Oder, sondern eindeutig ein Sowohl-als-Auch! Zuletzt wanderten wir auf erstaunlich abgeschiedenen, teilweise geradezu verwunschenen Wegen bis zum Abzweig von der eigentlichen Route zum Landgasthof Ostertal, dem zweiten Etappenziel.

Schlierbach: Fachwerkidylle …

Schlierbach: Fachwerkidylle …

und „Stickelgräber“

Am dritten Tag kürzten wir zur aussichtsreich gelegenen Walburgiskapelle etwas ab, erreichten auf einem schönen Pfad das Gaspachtal, in dem ich schon 1960 mit Eltern und Großeltern spazieren gegangen bin, am liebsten am Ostersonntag, denn da lagen überall Ostereier rum. Unübersehbar hatten wir den Hinteren Odenwald erreicht – während der Vordere Odenwald aus Granit und Porphyr aufgebaut ist und vorwiegend Laubwälder aufweist, herrschen weiter östlich Buntsandstein und Nadelwälder – leider zuweilen mit gar zu viel Fichten-Monokultur – vor. Das stark besuchte Grasellenbach ließen wir zügig hinter uns und kämpften uns jenseits zu einem der sieben Siegfriedbrunnen hinauf, wo angeblich der edle Recke Siegfried von dem finstern, hinterlistigen Hagen von Tronje dahingemeuchelt wurde und – bereits mit dem tödlichen Speer im Rücken – diesen noch halbtot schlug, bevor er schimpfend und fluchend das Zeitliche segnete. So sind sie eben, die Helden – nur eines sind bzw. werden sie nie: alt.

Das „Café Bauer“ im oberen Gaspachtal

Am Siegfriedbrunnen begannen leider ein paar Unannehmlichkeiten für uns, verursacht durch Waldarbeiten, weswegen das Gelände, über die der Nibelungensteig führte, weiträumig abgesperrt war. Gut, wir kamen schon in unser Etappenziel Güttersbach, verpassten allerdings das Rote Wasser, eines der selten gewordenen Odenwald-Moore, und das sogenannte Olfener Bild. Die Möglichkeit, das direkt gegenüber unseres Quartiers gelegene, geradezu putzige Dorfschwimmbad zu besuchen, versöhnte uns jedoch gleich wieder. Und den versäumten Weg kann man ja irgendwann nachholen.

Das kleine Schwimmbad in Güttersbach

Auch am vierten Wandertag ging es nicht ohne Improvisieren ab. Bis Hüttenthal war alles bestens, der Weg erwies sich wieder als sehr schön. Doch von dort an war die Originalroute erneut gesperrt, wieder wegen Waldarbeiten. Also mussten wir die Alternativroute über Erbach gehen. Das Städtchen, einstige Hochburg der Elfenbeinschnitzerei mit prächtigem barocken Schloss, erwies sich als unbedingter Höhepunkt, man muss es einfach gesehen haben, nur genehmigten wir uns dort ein Taxi für die Reststrecke zum Quartier in Bullau – andernfalls wären wir auf weit über 30 km Wanderstrecke gekommen und dafür waren wir, zumal bei der täglich größer werdenden Hitze, einfach zu spät dran – wir wussten ja vorher nichts von der Wegsperrung.

Schloss Erbach

Bullau? Ein halbes Jahrhundert ist es her, dass ich da mal mit meinen Großeltern Urlaub gemacht hatte, und als ich unser Quartier sah, erkannte ich es gleich wieder. Sogar den Saal, in dem wir damals jeden Abend „Elfer raus!“ gespielt hatten, gab es noch. Überhaupt war der erste Teil des Nibelungensteigs, eben bis Bullau, für mich teilweise eine richtiggehende Reise in die Vergangenheit, ständig wurde ich mit Kindheitserinnerungen der angenehmen Art konfrontiert.

Östlich von Bullau wurde es einsam. Bis in den zweigeteilten, da exakt auf der hessisch-badischen Grenze gelegenen Ort Schöllenbach bzw. Badisch-Schöllenbach, wanderten wir wieder durch ein langgestrecktes Wiesen- und Waldtal, wobei ich meine Freude an den vielen wilden Löwenmäulchen hatte (ie liebe ich seit frühester Kindheit, weil sie früher immer im Garten meines Großvaters blühten, so bunt waren und man an den Blüten so wunderbar herumspielen konnte), legten eine Rast vor der leider verschlossenen Quell- und Wallfahrtskirche ein und stiegen danach auf einem sehr schön angelegten Pfad hinauf auf das Hochplateau von Hesselbach, wie Schöllenbach Ortsteil der Gemeinde Hesseneck.

Die Quellkirche in Schöllenbach

Hesselbach liegt auf einem der im Hinteren Odenwald häufigen Hochplateaus auf 500 m Höhe und wird vom Nibelungensteig nur gestreift; der windet sich dort durch wunderbare Mischwälder, sogar durch einen ansehnlichen, fast skandinavisch anmutenden Birkenwald, ausnahmsweise einmal in fast ebener Wegführung, sodass der ganz kurze Aufstieg zuletzt gar nicht ins Gewicht fällt. Zudem wartet oben eine kleine Attraktion, nämlich der Dreiländerstein, der einst die Grenze zwischen den Großherzogtümern Baden und Hessen sowie dem Königreich Bayern markierte und auch nach dem Ende der Monarchien in Deutschland nichts von seiner politischen Gültigkeit eingebüßt hat.

Der kleine Ort Hesselbach liegt einige Hundert Meter abseits des Nibelungensteigs, aber wer dort nicht einkehrt und übernachtet, ist selbst schuld. Denn der Landgasthof Grüner Baum begeistert mit einer ganz exzellenten, sehr ambitionierten Küche und nicht zuletzt mit mehreren Maultaschen-Gerichten. Mein Wildschweinbraten war große Klasse und zerging mir fast auf der Zunge, der gelegentlich angebotene Saibling soll geradezu überragend sein. Auf dem Auto des Wirts prangt ein Aufkleber des damals gerade abgestiegenen VfB Stuttgart; darauf angesprochen sagte der Wirt nur ganz cool: „Wir kommen wieder zurück in die Bundesliga! Außerdem habe ich zwei Deutsche Meisterschaften miterlebt und so etwas kennen zum Beispiel die Frankfurter und Schalker nur von Schwarz-Weiß-Fotos!“ Das mit dem Zurückkommen hat ja tatsächlich geklappt, auch gegen den Wahrheitsgehalt der übrigen Aussagen ist nichts einzuwenden und jetzt schauen wir mal …

Die folgende Etappe, die wir glücklicherweise bei zwar heißem, aber trockenem Wetter absolvieren konnten, umfasst nahezu 25 km; vermutlich würde ich sie bei einer zweiten Begehung, die der Nibelungensteig unbedingt verdient, unterteilen. Zunächst ging es wieder in ein langgezogenes, völlig einsames Tal; das schottischen Bauwerken nachempfundene Schloss Waldleiningen wird nicht berührt, da es zwar von außen fraglos sehenswert ist, aber eine psychosomatische Klinik beherbergt und daher selbstverständlich nicht besichtigt werden kann. Der „Steig“ verläuft nach etwas steilem, ruppigem Abstieg für längere Zeit auf Forststraßen, aber die idyllische Umgebung und das aufgelassene einstige Dorf Breitenbach entschädigen hierfür reichlich. Nach der Durchquerung des Dorfes Ottorfzell geht es steil und schweißtreibend hinauf auf das nächste Hochplateau mit der Ortschaft Preunschen, dann über die mächtige Wildenburg hinab ins nächste Tal, wieder steil und schweißtreibend nach Beuchen …

Die Burgruine Wildenburg, deren ungewöhnlich großer Kamin sogar in Wolfram von Eschenbachs Versepos „Parsifal“ hervorgehoben wurde

So eintönig, wie diese Textpassage vermuten lässt, ist das keineswegs, aber wer wie wir an einem Tag von Hesselbach bis Amorbach wandern will, hat sich schon einiges vorgenommen. In Beuchen wartet dafür etwas ganz Besonderes, nämlich die von den Einwohnern errichtete und liebevoll gestaltete kleine „Nibelungensteig-Hütte“, wo man Toiletten und eine kleine Küche vorfindet, sich mit sehr preiswerten gekühlten Getränken erfrischen kann und sogar eine Kaffeemaschine vorfindet. Das Geld wirft man in ein Kästchen. Eine ausgiebige Rast ist hier eigentlich ein Muss. Danach geht es – wie könnte es auch anders sein! – bald wieder abwärts Richtung Amorbach.

Die vielleicht aufkommende Müdigkeit kommt vermutlich nicht zum Tragen, denn bald erreicht man zuerst eine besonders schön und aussichtsreich gelegene große Rasthütte, gleich darauf die Zittenfeldener Quelle, den landschaftlich sicher schönsten aller „Siegfriedbrunnen“ unter einem kleinen Sandsteinfelsmassiv. Und die folgende Wegstunde verläuft auf einen ganz prächtigen Hangpfad – einer der schönsten Wegabschnitte des gesamten Nibelungensteigs! Die letzten Meter hinein in den sehenswerten churfränkischen Ort Amorbach mit seinen beiden großen Kirchen und den vielen schönen Fachwerkhäusern schafft man danach auch noch. Notfalls auf dem Zahnfleisch.

Ähnlich wie zu Siegfrieds Zeiten ist auch heute beim Trinken aus Quellen durchaus Vorsicht angezeigt!

Ein kleiner Abendspaziergang durch Amorbach lohnt sich unbedingt.

In Amorbach bietet sich neben anderen Quartieren eine ganz besonders Unterkunft an: das „Schlafwagenhotel“. Jawohl, man übernachtet dort tatsächlich in ausgedienten Schlafwagenabteilen, wobei der Preis für diese Nostalgie freilich nicht ganz gering ist und auch der Aspekt zu beachten ist, dass diese Abteile überaus beengt und nicht klimatisiert sind (wir hatten tagsüber weit über 30 Grad und da war es im oberen Bett auch nachts kaum auszuhalten) und sich die Duschen in einem separaten Gebäude befinden. Frühstück gibt’s in einem wunderschönen Salonwagen. Ich hatte dort meinen Spaß, habe vor allem das Frühstück in vollen Zügen genossen, brauche einen solchen Schlafwagen allerdings nicht unbedingt ein zweites Mal.

Aufbruch am „Schlafwagen-Hotel“ Amorbach

Der vorletzte Wandertag versprach glücklicherweise weniger anstrengend zu werden, denn noch einmal 25 km hätte ich bei dieser Bruthitze – wer rechnet denn Ende August mit 35 Grad! – nicht mehr geschafft. Einige Zeit durch bewohntes Gebiet und dann auf einem sehr schön angelegten Fußweg ging es hinauf zur aussichtsreich gelegenen „Gotthardsruine“. Der Name Gotthard leitet sich von der Heiligen Godehard von Hildesheim ab, der die hier errichtete, 1714 durch Blitzschlag zerstörten Kirche gewidmet war. Um den vollständigen Verfall der Ruine zu verhindern, schützte man sie in den 1950-er Jahren durch ein Dach und heute kann man auch ein Türmchen ersteigen, von dem aus man einen Ausblick bis zum Spessart und in nicht weniger als sieben Täler des fränkischen Odenwalds genießt.

Danach ging es erst einmal wieder abwärts, dann aufwärts in den kleinen Ort Monbrunn, wo wir, obwohl das dortige Restaurant nur noch sporadisch geöffnet ist, etwas zu trinken bekamen. Die vorangegangenen Tage waren nicht spurlos an mir vorbeigegangen und längst überstieg mein Durst das Aufnahmevermögen meines Magens. Abschließend erfolgte der Abstieg über die Mildenburg – empfehlenswert für eine Kaffeepause! – in das einmalig malerische Städtchen Miltenberg.

Miltenberg

Dort war die Hölle los – die Michaelismesse, das größte Volksfest in Churfranken, wie dieser Teil Unterfrankens genannt wird, war in vollem Gange, weswegen es sich bei der Planung der Tour auch als ein Ding der Unmöglichkeit erwies, in Miltenberg oder dem nahen Bürgstadt ein Quartier zu finden. Ebenso wenig war ein Taxi zu bekommen – in Miltenberg waren auch die ausgebucht und in Amorbach gibt es kein Taxiunternehmen. So fuhren wir zurück nach Amorbach in unser kuscheliges Schlafwagenhotel und, da es zu dieser Zeit sonntags keine brauchbare Zugverbindung gab, zeitig am nächsten Morgen mit dem Taxi zurück nach Miltenberg, um die letzte, nur noch etwas mehr als einen halben Tag füllende Etappe unter die Füße zu nehmen.

Sie begann ganz bequem mit einem Spaziergang am Mainufer bis Bürgstadt mit seinem schönen Rathaus, aber danach ging es – nun, was wohl? Bergauf. In erneut sehr schöner, teilweise sogar spannender Wegführung passierten wir einige Felsblöcke mit unübersehbaren Bearbeitungsspuren – auch hier waren vor Jahrhunderten Steinmetze am Werk, die die halbfertigen, unbefriedigend behauenen Steinblöcke einfach liegen ließen. Was sollten sie auch sonst mit ihnen anfangen!? Danach wies ein Wegweiser zu einem „Gipfelkreuz“ auf dem 481 m hohen Wannenberg, das sich indes als eher unscheinbares kleines Kreuz auf einer bewaldeten Kuppe ohne Aussicht, aber immerhin mit Bank entpuppte, und zuletzt ging es, vorbei an einer teilweise restaurierten keltischen Festung, hinab zur Schlossruine Freudenberg. Auf einem steilen, gepflasterten Treppenweg erreichten wir wenig später beim Rathaus des in Baden-Württemberg gelegenen gleichnamigen Ortes das offizielle Ende des Nibelungensteigs.

Imposant: restaurierte keltische Festung auf dem Wannenberg

Am Mainufer fanden wir eine Art Imbissbude mit Gastgarten, in der Nähe ein Eiscafé und zudem – eine Wohltat bei dieser Hitze – ein Wassertretbecken. Danach schlenderten wir am frühen Nachmittag zur nahen Haltestelle der Bahn.

Ich bin von dieser eigentlich gar nicht einmal übermäßig spektakulären Route noch heute hellauf begeistert, kann sie nur wärmstens empfehlen und will sie in drei, vier Jahren unbedingt ein zweites Mal gehen.

Und auf die einleitenden Worte „Odenwald? Oh, je!“ zurückzukommen: Nach dieser Tour kann es für mich nur heißen: „Odenwald? Oh, ja!“

Christian Junck

Christian Junck

„Diese Musik ist doch tot! Mausetot! Für jetzt und in Ewigkeit! Amen! So kann man doch nicht mehr komponieren! Heutzutage!“

Wie oft hat Christian Junck solche Urteile schon zu hören bekommen!

Kleine, bescheidene Frage: Gibt es eigentlich einen Zweig der Medizin, der mir bisher verborgen geblieben ist? Gibt es Mediziner, die den klinischen Tod einer Musik feststellen wie den eines Menschen oder Meerschweinchens? Und wo wird darüber entschieden? In Konservatorien? Oder in Zeitungsredaktionen? Beim Publikum nicht, das hat ja eh keine Ahnung von Tuten und Blasen, das weiß doch jeder, und wenn dem Publikum eine Musik gefällt, dann steht das Urteil über sie unwiderruflich fest, fester als die zehn Gebote. Wo kämen wir denn sonst hin?

Ja, wohin? Womöglich dahin, dass die Musik des im Januar 1991 geborenen Christian Junck aufgeführt würde, was die Entwicklung der Musik doch keinen Deut voranbrächte! Voranbrächte? Wohin? Und wieso muss eine Musik die Musikentwicklung voranbringen? Fragen Sie mich? Fragen Sie doch die, die das behaupten! Damit die sich so richtig über Ihre und meine Ahnungslosigkeit echauffieren können: Vergebliche Liebesmüh‘, euch das zu erklären, ihr versteht es ja doch nicht!

Na, gut, ich bekenne – wenn es denn sein muss, an Eides statt –, dass ich die Kategorien „modern“ oder „konservativ“ in keiner Weise für ein Bewertungskriterium für Musik oder Literatur halte. Für mich gibt es nur gute und weniger gute Kunstwerke. Was man für gut hält, darüber kann man diskutieren. Aber der Zeitgeist hat dabei außen vor zu bleiben.

So. Und nachdem ich nun die Experten, die Hohepriester der musica riservata, verschreckt habe angesichts meines grenzenlosen Dilettantismus (wörtlich übersetzt: meiner Liebhaberei) und sie sich unter Ihresgleichen im Elfenbeinturm verschanzt haben, sind wir unter uns und können uns ungestört weiterunterhalten.

Christian Junck hat weder das Abitur noch erfuhr er je eine systematische musikalische Ausbildung. Er stellte als Jugendlicher einfach fest, dass ihm die Musik Wolfgang Amadeus Mozarts gefiel, so über die Maßen gefiel, dass er kaum noch etwas anderes hörte und sehr bald anfing, selbst in diesem Stil zu komponieren.

Was kann bei einem Autodidakten, zumal mit solchen Ambitionen, schon herauskommen? Ach, hat sich da was im Elfenbeinturm gerührt? Na, dann hört euch doch mal eine seiner Kompositionen an! Wie? Ihr sagt, das lohne sich nicht, ihr wüsstet eh, dass eine solche Musik nichts taugt? Ja, auf eine solche Antwort habe ich gewartet. Für das dumme Publikum ist klar: Nur was ich kenne, kann ich auch beurteilen. Aber entschuldigt vielmals und allergnädigst, für euch erhabene Hohepriester gelten ja selbstverständlich andere Maßstäbe. Und wer könnte die besser festlegen und zementieren bis zum Jüngsten Tag als ihr selbst! Wie konnte ich nur …

Warum fällt mir nur gerade der Pawlowsche Hund ein? Ich bin aber auch wirklich unmöglich!

Gut, machen wir weiter.

In einem Punkt haben die Hohepriester ja durchaus recht. Wenn ein – sagen wir – Sechzehnjähriger es sich plötzlich in den Kopf setzt, Mozart nachzueifern, dann wird seine Musik bestenfalls epigonal und der Nachahmer kann dem Original nicht im Mindesten das Wasser reichen.

So weit, so gut. Aber genau hier beginnt das Besondere an Christian Junck. Er ließ sich nämlich nicht entmutigen, sondern machte unbeirrt weiter. Allmählich wurde seine Musik immer besser, mit Neunzehn komponierte er schon Sinfonien, Konzerte und Serenaden, die man mit großem Genuss hören kann, weil sie handwerklich schon erstaunlich souverän sind und vor allem vor musikalischen Einfällen fast bersten, ohne dass die klassischen Formen deswegen aufgelöst würden. Was dieser Komponist an herrlichen, eingängigen Melodien innerhalb der nächsten Jahre bis heute erfunden hat, ist fast einzigartig. Ich glaube, man könnte ihn mitten in der Nacht aus den schönsten Träumen wecken und er wäre augenblicklich imstande, einige Themen für die nächste Sinfonie, das nächste Streichquartett, das nächste Klavierkonzert zu Papier zu bringen.

In den letzten Jahren ist Juncks Musik zunehmend kontrapunktischer geworden, seine Werke werden immer ausdrucksstärker, expressiver, gelegentlich überraschen „modernere“ Passagen, zumal in einigen Durchführungen – und vor allem ist seine Tonsprache inzwischen von einer ganz großen Herzlichkeit. Das große Vorbild Mozart klingt noch durch, aber nicht einmal mehr ein sehr oberflächlicher Zuhörer könnte auf die Idee kommen, Junck kopiere Mozart. Nein, längst hat er seinen eigenen Stil gefunden. Und mehr als das. Musik ist bei ihm eben nicht nur Kopfsache. Man hat den Eindruck: Da lebt ein Mensch praktisch nur für seine und in seiner Musik, und völlig falsch ist dieser Eindruck keineswegs. Das macht sie ja – um das einleitende Modewort wieder aufzugreifen – so authentisch. Und nein, epigonal ist sie schon lange nicht mehr. Eklektisch? Vielleicht. Und wenn schon! Aber eben, wie gesagt, absolut authentisch.

So, genug der Vorrede. Wer neugierig geworden ist, braucht nur die folgenden Youtube-Links mit Juncks Klavierkonzert Nr. 11 C-Dur anzuklicken, auch wenn die Musik, von einem „richtigen“ Orchester gespielt, natürlich besser klänge als in diesem Simulator-Einspielungen. Vielleicht kommt es ja doch mal wieder zu einer Aufführung, verdient hätte das der Komponist allemal.