Christian Junck

Christian Junck

„Diese Musik ist doch tot! Mausetot! Für jetzt und in Ewigkeit! Amen! So kann man doch nicht mehr komponieren! Heutzutage!“

Wie oft hat Christian Junck solche Urteile schon zu hören bekommen!

Kleine, bescheidene Frage: Gibt es eigentlich einen Zweig der Medizin, der mir bisher verborgen geblieben ist? Gibt es Mediziner, die den klinischen Tod einer Musik feststellen wie den eines Menschen oder Meerschweinchens? Und wo wird darüber entschieden? In Konservatorien? Oder in Zeitungsredaktionen? Beim Publikum nicht, das hat ja eh keine Ahnung von Tuten und Blasen, das weiß doch jeder, und wenn dem Publikum eine Musik gefällt, dann steht das Urteil über sie unwiderruflich fest, fester als die zehn Gebote. Wo kämen wir denn sonst hin?

Ja, wohin? Womöglich dahin, dass die Musik des im Januar 1991 geborenen Christian Junck aufgeführt würde, was die Entwicklung der Musik doch keinen Deut voranbrächte! Voranbrächte? Wohin? Und wieso muss eine Musik die Musikentwicklung voranbringen? Fragen Sie mich? Fragen Sie doch die, die das behaupten! Damit die sich so richtig über Ihre und meine Ahnungslosigkeit echauffieren können: Vergebliche Liebesmüh‘, euch das zu erklären, ihr versteht es ja doch nicht!

Na, gut, ich bekenne – wenn es denn sein muss, an Eides statt –, dass ich die Kategorien „modern“ oder „konservativ“ in keiner Weise für ein Bewertungskriterium für Musik oder Literatur halte. Für mich gibt es nur gute und weniger gute Kunstwerke. Was man für gut hält, darüber kann man diskutieren. Aber der Zeitgeist hat dabei außen vor zu bleiben.

So. Und nachdem ich nun die Experten, die Hohepriester der musica riservata, verschreckt habe angesichts meines grenzenlosen Dilettantismus (wörtlich übersetzt: meiner Liebhaberei) und sie sich unter Ihresgleichen im Elfenbeinturm verschanzt haben, sind wir unter uns und können uns ungestört weiterunterhalten.

Christian Junck hat weder das Abitur noch erfuhr er je eine systematische musikalische Ausbildung. Er stellte als Jugendlicher einfach fest, dass ihm die Musik Wolfgang Amadeus Mozarts gefiel, so über die Maßen gefiel, dass er kaum noch etwas anderes hörte und sehr bald anfing, selbst in diesem Stil zu komponieren.

Was kann bei einem Autodidakten, zumal mit solchen Ambitionen, schon herauskommen? Ach, hat sich da was im Elfenbeinturm gerührt? Na, dann hört euch doch mal eine seiner Kompositionen an! Wie? Ihr sagt, das lohne sich nicht, ihr wüsstet eh, dass eine solche Musik nichts taugt? Ja, auf eine solche Antwort habe ich gewartet. Für das dumme Publikum ist klar: Nur was ich kenne, kann ich auch beurteilen. Aber entschuldigt vielmals und allergnädigst, für euch erhabene Hohepriester gelten ja selbstverständlich andere Maßstäbe. Und wer könnte die besser festlegen und zementieren bis zum Jüngsten Tag als ihr selbst! Wie konnte ich nur …

Warum fällt mir nur gerade der Pawlowsche Hund ein? Ich bin aber auch wirklich unmöglich!

Gut, machen wir weiter.

In einem Punkt haben die Hohepriester ja durchaus recht. Wenn ein – sagen wir – Sechzehnjähriger es sich plötzlich in den Kopf setzt, Mozart nachzueifern, dann wird seine Musik bestenfalls epigonal und der Nachahmer kann dem Original nicht im Mindesten das Wasser reichen.

So weit, so gut. Aber genau hier beginnt das Besondere an Christian Junck. Er ließ sich nämlich nicht entmutigen, sondern machte unbeirrt weiter. Allmählich wurde seine Musik immer besser, mit Neunzehn komponierte er schon Sinfonien, Konzerte und Serenaden, die man mit großem Genuss hören kann, weil sie handwerklich schon erstaunlich souverän sind und vor allem vor musikalischen Einfällen fast bersten, ohne dass die klassischen Formen deswegen aufgelöst würden. Was dieser Komponist an herrlichen, eingängigen Melodien innerhalb der nächsten Jahre bis heute erfunden hat, ist fast einzigartig. Ich glaube, man könnte ihn mitten in der Nacht aus den schönsten Träumen wecken und er wäre augenblicklich imstande, einige Themen für die nächste Sinfonie, das nächste Streichquartett, das nächste Klavierkonzert zu Papier zu bringen.

In den letzten Jahren ist Juncks Musik zunehmend kontrapunktischer geworden, seine Werke werden immer ausdrucksstärker, expressiver, gelegentlich überraschen „modernere“ Passagen, zumal in einigen Durchführungen – und vor allem ist seine Tonsprache inzwischen von einer ganz großen Herzlichkeit. Das große Vorbild Mozart klingt noch durch, aber nicht einmal mehr ein sehr oberflächlicher Zuhörer könnte auf die Idee kommen, Junck kopiere Mozart. Nein, längst hat er seinen eigenen Stil gefunden. Und mehr als das. Musik ist bei ihm eben nicht nur Kopfsache. Man hat den Eindruck: Da lebt ein Mensch praktisch nur für seine und in seiner Musik, und völlig falsch ist dieser Eindruck keineswegs. Das macht sie ja – um das einleitende Modewort wieder aufzugreifen – so authentisch. Und nein, epigonal ist sie schon lange nicht mehr. Eklektisch? Vielleicht. Und wenn schon! Aber eben, wie gesagt, absolut authentisch.

So, genug der Vorrede. Wer neugierig geworden ist, braucht nur die folgenden Youtube-Links mit Juncks Klavierkonzert Nr. 11 C-Dur anzuklicken, auch wenn die Musik, von einem „richtigen“ Orchester gespielt, natürlich besser klänge als in diesem Simulator-Einspielungen. Vielleicht kommt es ja doch mal wieder zu einer Aufführung, verdient hätte das der Komponist allemal.

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